Gemeinsam trauern

Spätestens seit dem Tod von Lady Di sind öffentliche Trauerbekundungen Normalität geworden. Das hat Auswirkungen auf die private Trauer. Trauer gilt gemeinhin als Inbegriff eines privaten Affekts, der in der Moderne zunehmend aus dem öffentlichen Raum verschwindet und sogar tendenziell tabuisiert wird. Angesichts der Opfer von Terroranschlägen und der zunehmenden Zahl von Kriegstoten kommt die Politik seit einigen Jahren allerdings kaum mehr umhin, der Öffentlichkeit Angebote für deren Trauerbekundung zu unterbreiten.
„Die Menschen sehen ein Muster in der Öffentlichkeit und versuchen es anzuwenden“, weiß auch Oliver Wirthmann. Der Theologe ist als Geschäftsführer des Kuratoriums Deutsche Bestattungskultur einer der führenden Trauerexperten Deutschlands. „Es ist ein Irrtum zu glauben, Trauer sei etwas Privates. Es ist zwar Privatsache, doch wird die öffentliche Dimension allzu leicht übersehen.“
Dabei gehe es nicht mehr nur um die Trauer eines Individuums, sondern darum, wie eine Kultur mit der Trauer umgeht. Riten beeinflussen die private Trauer. „Die Frage ist doch: Wie trauern Menschen, wie gehen sie mit Menschen, die in der Öffentlichkeit stehen und sterben, um?“, sagt Wirthmann. Dabei denke er an Prominente oder Opfer von Amokläufen.
Es zeigt sich ein Widerspruch zwischen der öffentlichen Trauer, die sich spätestens seit dem Tod Lady Dis stark in den Medien widerspiegelt und zu einer Art „Eventtrauer“ mit Blumen, Kerzen und Teddybären wurde, und der individuellen, anonymisierten Trauer, dem „Abschied in aller Stille“.
Robert Enke wurde erst zum ewig leuchtenden Stern am Himmel der nie mehr zu Vergessenden, als er tot war. Johannes Heesters ist gestorben, ebenso Dirk Bach und jüngst trauerte die Welt um Nelson Mandela. „Die ganze Nation nimmt Anteil am Schicksal der öffentlichen Personen, obwohl wir diese Menschen ausschließlich durch die Medien vermittelt erfahren“, sagt Wirthmann. Die Vereinnahmung des Todes über das Fernsehen, das Internet und Plattformen wie Facebook und Twitter hat sich über Jahre entwickelt.

Persönliche Zeugnisse zulassen
„Wir erleben eine Form der öffentlichen Trauer, die zeigt, dass die Gesellschaft einen öffentlichen Kodex braucht“, stellt Oliver Wirthmann fest. Kirchliche wie staatliche Gedenktage zeigen das ganz deutlich. Und man kann aus dieser öffentlichen Trauer auch etwas lernen für den privaten Bereich: „Ich kann nur raten, sich nicht unnötig zu beschneiden, indem man sich die Möglichkeit einer Trauerfeier nimmt – in aller Stille.“ Und auch wenn die private Trauer im intimen Rahmen gelebt wird, so haben doch auch die Angehörigen das Recht, Abschied zu nehmen.
„Öffentliche wie private Trauer darf nicht in Floskeln und Leerformen erstarren, die ihr nicht gerecht werden. Man sollte mehr persönliche Zeugnisse zulassen.“ Trotz aller öffentlichen Trauer seien Menschen unsicher, was Trauer und Trauerrituale angehe, weil der Tod – auch wenn über ihn gesprochen wird – ein Stück weit nicht greifbar sei.
Auch auf dem Friedhof dokumentiert sich öffentliche Trauer. Wird sie nicht gelebt, schleicht man sich vor ihr weg oder sieht sie als etwas Krankhaftes, das man überwinden oder abarbeiten muss, nimmt man sich die Chance, eine Grunderfahrung menschlichen Lebens zu machen. „Da ist dann die Pathologisierung nicht weit, also die Grundhaltung, Trauer zu etwas Therapiebedürftigem zu erklären“, sagt Wirthmann. „Doch die Trauer kann Menschen einholen – in mehrfacher Hinsicht, etwa durch Zwangshandlungen. Dann sollte psychologische Hilfe oder psychotherapeutische Begleitung in Anspruch genommen werden.“ Und doch: Trauer ist in den wenigsten Fällen pathologisch. Wirthmann: „Öffentliche und private Trauer hängen eng zusammen, weil der Mensch ein soziales Wesen ist und niemand auf seiner eigenen Insel trauert. Im Gegenteil, wir leben alle auf einer großen Insel.“

 

BU: Und auch wenn die private Trauer im intimen Rahmen gelebt wird, so haben doch auch die Angehörigen das Recht, Abschied zu nehmen. Foto: BDB

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